Tiere unserer Heimat

I.
Ich fand Aus Wald und Flur: Tiere unserer Heimat vor ein paar Jahren im Sommer auf einem Flohmarkt in Berlin. Als ich das Titelbild sah, wusste ich sofort, dass ich das Buch haben musste: Die Farbpalette der filigranen Zeichnung besteht aus bleichem Oliv- und Lauchgrün, staubigem Braun und zartem Gelb und zeigt eine überwältigend üppige Waldszene.

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Eine Bergziege blickt herablassend auf ein weidendes Wildschwein, ein Flughörnchen schnellt im Sturzflug knapp an einem in der Luft hängenden Wiesel vorbei, ein Wolf tapst entmutigt und hechelnd im Hintergrund herum und ein wilder Hamster hat sich alarmiert aufgerichtet, anscheinend um die unmittelbare Gefahr um ihn herum kundzutun oder vielleicht um ein Loblied auf die mannigfaltige Landschaft zu singen. Das Buch ist voller technischer Zeichnungen und handbemalter Fotografien von Tieren in verschiedensten Stadien ihres wilden, natürlichen Lebens. Die dazugehörigen Beschriftungen lassen Dinge wie „Fuchs schnürt Bau zu“ und „Hase drückt sich“ verlauten. Das dumpfe Rosa der Malereien lässt die Bilder noch bezaubernder aussehen, als man sie in ihrem schwarz-weißen Originalzustand vermutet.

Für jedes Tier gibt es eine mysteriöse mathematische Formel, welche, wie ich nach einiger Zeit herausfand, irgendwie mit den Maßen der jeweiligen Kiefer zusammenhängt. Die Formel des Luchses, zum Beispiel, geht so:

1•3•1•3      3•1•3•1
1•2•1•3 X 3•1•2•1 = 30

Als Erklärung heißt es in dem Buch: „Die Zahnformel ist für alle Katzenarten gleichlautend, gilt also für den Luchs wie für die Wildkatze“. Aber natürlich.

II.
Als ich das Buch damals erwarb, hatte ich sehr wenig Erfahrung mit der altdeutschen Schrift, daher war der Gedanke, sich in die Lektüre zu vertiefen, nicht besonders reizvoll. Zurück in den Vereinigten Staaten, auf einer Zugreise, war meine Neugierde dann doch zu groß und ich fing mit dem Teil des Buches an, der mir am wenigsten trocken erschien: das Schlusskapitel auf Seite 126 mit dem Titel Die Tierwelt und der deutsche Mensch. Erst jetzt spürte ich, dass das Copyright von 1938 relevant sein könnte. Ich las dort:

„Auf Grund der Tatsache, dass alle die Tierwelt und die Kreatur überhaupt betreffenden ethischen und kulturellen Bestrebungen von den Völkern der nordischen Rasse ausgingen, können wir den sicheren Nachweis erbringen, daß nach den Überlieferungen einer bis in die graue Vorzeit reichenden Geschichte vornehmlich der deutsche Mensch mit der Tierwelt stets aufs engste verwachsen war und seine tierfreundliche Einstellung blutsmäßig bedingt und gebunden ist. Dieses alte Erbgut der Völker des germanischen Kulturkreises findet seinen Niederschlag in der tierlieben Wesensart des deutschen Volkes. So ist die Liebe zur Natur und ihren vielgestaltigen Erscheinungen dem deutschen Menschen angeboren und in ihm tief verwurzelt.“

Eine Art von kranker Lust kann der langsamen Entdeckung des Bösen in einer scheinbar unschuldigen Sache innewohnen, wie zum Beispiel in einem Film, in dem nach und nach enthüllt wird, dass der Held in Wirklichkeit der Bösewicht ist und schon die ganze Zeit über für alle heimtückischen Taten verantwortlich war. Mit einer morbiden Faszination blätterte ich weiter und stellte mir die plüschigen Hamster vor, wie sie sich auf grauenhafte Weise im ätzenden Schleim der nationalsozialistischen Ideologie auflösen.

III.
Aus Wald und Flur wurde von einem Mann namens Ludwig Zukowsky geschrieben. Über ihn ist wenig bekannt, aber auf einer Website mit dem Namen FindAGrave.com konnte ich erfahren, dass er auf dem Friedhof Gohlis in Leipzig begraben liegt und dass er, als er noch am Leben war, der Direktor des Leipziger Zoos war. Später schrieb er ein Buch, betitelt Weitere Mitteilungen über den Persischen Panther. Man kann im Netz außerdem ein Portrait des Autors erwerben, auf dem er mit einem Schimpansen auf dem Arm zu sehen ist.

IV.
Das gesamte erste Fünftel des Buches widmet sich der Gattung der Hirsche, eingeleitet durch das erste Kapitel, das den Titel Vom König der Deutschen Wälder trägt. In diesem Lobgesang auf den Hirsch, die „Krone des deutschen Wildes“, kann man mehrere ganzseitige Illustrationen von verschiedenen Geweihen, Hufabdrücken und Skelettstrukturen finden; ein visuelles Unternehmen, das in dem Buch nur dieser einen Spezies vergönnt ist. Ein großer Teil des Hirschtextes, mit Titeln wie Hie guet Weidwerk allewege! und Weidmann und Weidwerk im Dritten Reich widmet sich den Bemühungen der Naziregimes, die Geschichte der deutschen Jagdkultur zu „bewahren“ und neue „Jagd- und Naturschutzgesetze“ einzuführen. Diese Bemühungen wurden von Hermann Göring betrieben, der unter anderem die Position des Reichsjägermeisters bekleidete.

In einem Foto mit der Beschriftung „Kapitaler Bock“ starrt ein junger Hirschbock wehmütig auf die andere Seite und darunter erklärt Zukowsky:

„Früher war die Jagd ein Vorrecht der begüterten Klasse. Seit in deutschen Landen das Hakenkreuz im lichten Strahlenkranz des Hubertuskreuzes seinen Platz fand und die Weidgerechtigkeit durch des Volkes Willen in feste Formen gegossen wurde, hat das Weidwerk eine ethische und kulturelle Bedeutung erlangt, dem Weidmann ist im Dritten Reich die Pflicht auferlegt worden, dem Wohl des Volkes nach bestem Wissen und Gewissen Rechnung zu tragen, indem er alle ihm anvertrauten Werte dem Volke nutzbar macht.“

In diesem Absatz beschreibt Zukoswky außerdem mit glühender Begeisterung weitere Initiativen, die dazu dienen sollten, das Erbe der „Heimatlichen Landschaft“ zu verbessern, unter anderem ein Projekt der Brüder Dr. Lutz Heck und Heinz Heck, die Experimente mit bedrohten Tierarten, wie zum Beispiel wilden Pferden und Ochsen, anstellten, welche „[…] durch planmäßige Aufkreuzung aus den stammesverwandtschaftlich ihnen am nächsten stehenden hochgezüchteten Rassen zu neuem Leben erstehen“ sollten. Die erhabene deutsche Rasse brauchte also auch ein erhabenes Tierreich zum Jagen.

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V.
Man könnte Aus Wald und Flur als eine nationalsozialistische Adaption des Aufklärungsprojektes interpretieren, als einen Versuch, die Welt der Natur wissenschaftlich zu klassifizieren. Die ersten Seiten betonen, dass die wichtigste Aufgabe des Menschen, wenn es darum geht, die Natur zu verstehen, darin besteht, Ordnung im Chaos zu finden, welches dann nach Primitivem und Fortgeschrittenem sortiert werden muss. Die Idee, dass es die Pflicht des Menschen ist, die Natur einzuordnen, zu organisieren und zu katalogisieren hat eine reiche Tradition in der europäischen Geschichte der Wissenschaft. Wie Stewart und Elizabeth Ewen in ihrer Studie Typecasting: Über die Kunst und die Wissenschaft der Menschlichen Ungleichheit zusammenfassend erklären, „florierten im 18. Jahrhundert wissenschaftliche Illustrationen, es wurden Enzyklopädien und ausgeklügelte Systeme produziert, die die physischen Gemeinsamkeiten oder Unterschiede aller Lebewesen klassifizieren und darstellen sollten.“ Die Ewens beschreiben das französische Muséum d’Histoire naturelle, das 1793 für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde, als eine der weltweit ersten Institutionen, die „die Idee verbreitete, dass es angeblich natürliche Unterschiede gebe, die Menschen aufteilen in obere und untere Kategorien, geordnet nach sozialer Klasse und Rasse“, indem es „ die ‚unteren Klassen’ und ausländische menschliche Körper“ als etwas Furchtbares darstellte.

Die so betriebene Einteilung der Menschheit ist deshalb erschütternd, weil sie von der sterilen Methode der Pflanzen- und Tierklassifikation übernommen wurde und weil sie, na ja, menschenverachtend ist. In der Rhetorik der Eugenik werden Menschen mit Tieren gleichgesetzt und müssen deshalb genauso in der natürlichen Hierarchie positioniert werden. Sie müssen entweder mit dem Ziel der Perfektion gezüchtet oder gejagt werden. Es ist seltsam, über diese Entwürdigung der Opfer des Naziregimes durch die Gleichsetzung mit Tieren im Kontext dieses Buches nachzudenken, wo es doch die Prämisse hat, sich in der Tat mit Tieren zu beschäftigen.

VI.
Aus Wald und Flur lässt eine weitere Interpretation zu: Man kann das Buch als Element der ‚Zurück zur Natur’-Bewegung sehen. Laut einer Studie von Alexander Williams, betitelt Die Annäherung an die Natur in Deutschland: Wandern, Freikörperkultur und Naturschutz 1900–1940, war die Naturbewegung nicht notwendigerweise reaktionär und nostalgisch, wie oft vermutet wird, sondern stattdessen eine progressive Art, mit den Veränderungen der gesellschaftlichen und industriellen Struktur umzugehen. Oder, einfach gesagt: „Die Natur wurde zur Metapher für eine bessere zukünftige Welt, in der das deutsche Volk in größerer Harmonie zusammenleben würde.“ Die Natur als ein Modell und ein Behelfsmittel für die Stärkung des nationalen Zusammengehörigkeitsgefühls zu nutzen, war charakteristisch für alle politischen Parteien, von den Sozialdemokraten bis hin zu den Nationalsozialisten.

Aus der nationalsozialistischen Perspektive konnte diese Harmonie natürlich nur durch den Ausschluss von Minderheiten und ‚Außenseitern’ hergestellt werden. Daher ist der Naturhaushalt, der in Aus Wald und Flur dargestellt und zelebriert wird, ein perfektes Beispiel der nationalsozialistischen Aneignung des Naturthemas: In einem metaphorischen nationalen Forst sind alle „Völker der nordischen Rasse“ und des „germanischen Kulturkreises“ vereint in ihrer Dominanz, wie auch im eigentlichen Forst, in dem „jedes Geschöpf in seiner Scholle wesenhaft verwurzelt ist“. Noch nachdrücklicher fährt Zukowsky fort: „Alles, was in einer bestimmten Umwelt aufwächst, [ist] untrennbar miteinander verbunden.“

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VII.
Um mehr über die Umstände der Veröffentlichung von Aus Wald und Flur zu erfahren, begab ich mich in eine Bibliothek und erfuhr dort, dass der Verlag des Buches, Cigaretten-Bilderdienst, Altona-Bahrenfeld, noch mehrere andere Bücher dieser Art während der Zeit des Dritten Reiches herausgegeben hatte. Cigaretten-Bilderdienst veröffentlichte zum Beispiel Titel wie Aus Deutschlands Vogelwelt, Deutsche Kulturbilder, Die Olympischen Spiele 1936, Gestalten der Weltgeschichte und Adolf Hitler: Bilder aus dem Leben des Führers, alle mit handbemalten Fotografien. Ich konnte zwar nicht viel über das Unternehmen selbst herausfinden, aber es scheint der Marktführer im Bereich der Sammelstücke visueller Kultur im Dritten Reich gewesen zu sein.

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich das Gefühl, die wahre Identität diese Buches und seiner Leser zu kennen, aber dann machte mir eine neue Entdeckung einen Strich durch die Rechnung. Wie sich herausstellte, ist die ‚Zigarette’ in dem Namen Cigaretten-Bilderdienst kein Zufall, der Verlag war nämlich auch Vertreiber sogenannter ‚Zigarettenbilder’, welche anscheinend große Mode waren im damaligen Deutschland. Diese Fotografien (die gängigsten Themen waren Natur und Militär), wurden gesammelt und waren, soweit ich das einschätzen kann, mit dem Kauf einer Schachtel Zigaretten erhältlich. Jetzt kam mir erst, dass die Fotografien in Aus Wald und Flur per Hand eingeklebt wurden, manche etwas schief und mit Eselsohren. Ich schlug Seite 39 auf, wo ein Foto an einer Ecke ein wenig abstand. Ich riss die Fotografie vorsichtig von der Seite und – siehe da: Es trug die Aufschrift „Bild Nr. 26“ und war mit einem informativen Paragraphen über den Alpensteinbock bestückt, in dem es, unter anderem, hieß: „Die Erhaltung dieser Hochgebirgstrecken in den Alpen danken wir dem Schweizer Zumstein und dem König Viktor Emanuel II. von Italien.“ Was soll das heißen?

So viele widersprüchliche Geister scheinen dieses Objekt, welches anscheinend mehr als Hobby denn als Referenz diente, nun heimzusuchen. Nicht nur der Zoologe Zukowsky und der „Reichsjägermeister“ Göring geistern durch die Seiten dieses Buches, sondern auch eine große Tabakfirma und ein deutscher Bürger (ein Jugendlicher? Ein Arbeiter mittleren Alters? Ein Jagdenthusiast?), der, um 1938 herum, alle 125 Tierbilder gesammelt und sorgfältig eingeklebt hat.

VIII.
Bei einer vorläufigen Suche auf Wikipedia nach Tabakfirmen, die ähnliche Propagandawerke veröffentlicht hatten, stieß ich auf die Tatsache, dass die Nazi-Regierung für besonders strenge Antitabakgesetze bekannt war, was die ganze Sache für mich noch komplizierter machte. Anscheinend basierten diese Gesetze auf der Ideologie von Rassenhygiene und der Reinheit des Körpers. Das erscheint logisch und ist auf diese Weise eng verbunden mit der Rhetorik von Aus Wald und Flur, in dem es nur genetisch deutsche Tiere und genetisch tierliebende Deutsche gibt.

In einem Essay zu diesem Thema, veröffentlicht im International Journal of Epidemology, beschreibt der Wissenschaftshistoriker Robert Proctor (bekannt als der erste Historiker, der gegen die Tabakindustrie aussagte) die konfuse Beziehung des Reiches zum Rauchen. Er erklärt, dass obwohl Hitler 1942 bekannt gab, dass „er es bereute, seinen Soldaten am Anfang des Krieges Tabak gegeben zu haben,“ die Tabakindustrie trotzdem „mächtige Freunde im Finanz- und im Wirtschaftsministerium hatte, die ganz offensichtlich Angst davor hatten, den stetigen Zustrom von Steuergeldern aus der Tabakindustrie zu unterbrechen, welcher 1941 ein Zwölftel aller Staatseinkünfte ausmachte“. War die Propaganda in Aus Wald und Flur also ein Versuch einer großen Tabakfirma, die Gunst der Nazi-Regierung zu erlangen?

Der Fuchs zieht an der Zigarette und Göring keucht. Ein Kind kommt mit einer neuen Schachtel Zigaretten nach Hause und klebt Bild Nr. 16, Bergziege, in das dafür vorgesehene Feld. Die Ziege befürwortet die Naturschutzgesetze des Dritten Reiches. Hitler missbilligt den Erwerb des Kindes. Göring geht auf Fuchsjagd.