She’s all that

    Beyoncé Knowles ist eine Ausnahmeerscheinung im Mainstream-Pop. Seit 15 Jahren behauptet sie sich mit immensem Erfolg in einer männerdominierten Industrie ohne ihre Moral zu kompromittieren. Mehr noch: Die Amerikanerin dient Millionen von Mädchen und Frauen auf der ganzen Welt als positives Vorbild. Von ‚Queen Bey’, wie sie ihre Fans nennen, holen sie sich Zuspruch, an ihr können sie sich orientieren.

    beyoncecomplete

    © Victoria Sin

    Erstaunlicherweise leuchtet das diesmal einer breiten Masse ein, nur das Bildungsbürgertum weigert sich beharrlich, die Bedeutsamkeit des Popstars zu würdigen. Es erkennt weder den Wert ihrer Kunst an, noch ihren Wert als feministische Figur. Gut, über Geschmack lässt sich nicht streiten, doch dass manche Leute nicht verstehen wollen welche Bedeutung ein Song wie Single Ladies (Put A Ring On It) für so viele Frauen rund um die Welt hat, darüber muss doch mal geredet werden.

    In der Spex wurde Beyoncé letztens auf scheußlichste Art und Weise für so ziemlich jede ihrer Errungenschaften – kommerziellen Erfolg, Familiengründung, ihre Qualitäten als Performerin – schlecht geredet. Bruce La Bruce schrieb ihr in einem Artikel im Vice Magazine jegliche Bedeutung ab. Er nennt sie konventionell und reaktionär – und hat damit völlig Recht.

    Aber darum geht es ja überhaupt nicht. Im Gegenteil: Gerade das macht sie so erfolgreich und wichtig! Natürlich gibt es weitaus weniger ambivalente Vorbilder im Pop, die ein sehr viel progressiveres Frauenbild propagieren: Grimes, M.I.A., Róisín Murphy, Kathleen Hanna oder Kim Gordon zum Beispiel. Ganz abgesehen davon, dass auch dieser unweigerliche Vergleich in einer Unterhaltung über Frauen als ein Geschwür des Patriarchats in uns wuchert, darf man nicht vergessen, dass diese Frauen ihrer Zeit aber immer noch unendlich weit voraus sind. Tatsache ist: Die Sache mit dem Sexismus ist noch lange nicht erledigt und konventionelle Rollenbilder kleben leider immer noch hartnäckig in den Synapsen der Mehrheit der Bevölkerung. Das entfällt einem besonders im Kulturbetrieb gern mal, in dem Sexismus einfach nur etwas subtiler vor sich hinkeimt als im Q-Dorf oder im Regionalexpress.

    Aber auch außerhalb der leider verschwindend kleinen Zielgruppe dieser fortschrittlichen Künstlerinnen brauchen Frauen Orientierungspunkte, Verbündete und Vorbilder. Genau hier setzt Beyoncés Arbeit an und ist deshalb so erfolgreich, weil das von ihr repräsentierte Frauenbild nicht gnadenlos modern, sondern zeitgemäß ist. Pop ist nun mal Pop weil er leicht verdaulich ist. Er darf nicht überfordern. Etwas Gehaltvolles in das enge Korsett des Mainstream-Pops zu quetschen, ist darum eine besonders schwere Aufgabe, die derzeit wenige weibliche Größen des Genres so meistern wie Beyoncé Knowles.

    Seit ihrem Karrierebeginn, also bereits zu Zeiten von Destiny’s Child, steht sie für Unabhängigkeit und Ermächtigung. No No No, die erste Single des texanischen Trios, verlangte 1998 vom Angebeteten ein Bekenntnis, Eindeutigkeit und damit letztendlich Verbindlichkeit. In ihrem Nummer-1-Hit Independent Women Pt. 1 von 2000 brüstet sich die Gruppe mit (finanzieller) Unabhängigkeit, ein Jahr später verkündet sie in Bootylicious ein selbstbewusstes Verhältnis zum eigenen Körper: „I don’t think you’re ready for this jelly.“ Von Hymnen dieser Kategorie finden sich zahllose in der Diskografie des Trios. Lose My Breath vom letzten Studioalbum der Gruppe, Destiny Fulfilled, fragt: „Can you keep up?“, und fordert heraus: „Baby boy, make me lose my breath!“ Und dann gibt es auch noch Girl, in dem die Freundinnen einander Vertrauen und Unterstützung zusichern.

    Allein schon die hohen Verkaufszahlen all dieser Stücke sollten als Beweis dafür reichen, welche Tragweite und Daseinsberechtigung eine Girlgroup mit einer solchen Botschaft hat. Warum in diesen Liedern Männer als herrische Stereotypen mit Angst vor Verbindlichkeit präsentiert werden? Weil das leider in weiten Teilen der Welt der Realität entspricht. Dazu werden sie doch vom Patriarchat genauso erzogen wie Frauen zu augenklimpernden, devoten Dienerinnen. Dafür muss man sich unabhängig vom Geschlecht auch nur schämen, wenn man sich nicht dagegen wehrt. Und, ehrlich gesagt, ein Mann, der bei solchen Texten unruhig auf seinem Stuhl hin- und herrutscht, jammert auf höchstem Niveau und hat ‚Male Privilege’ vielleicht verstanden, aber noch lang nicht überwunden.

    Seit Beyoncé solo tätig ist, haben sich ihre Texte sogar noch verschärft. Ihr Hit Single Ladies (Put A Ring On It) von 2008 mag oberflächlich betrachtet wie eine „Hommage an die Ehe“ (Bruce La Bruce) erscheinen, aber jedes 13-jährige Mädchen verfügt über das Abstraktionsvermögen, aus dem Song zu lesen, dass er niemanden dazu „verdonnert gefälligst einen Ring draufzustecken, wenn [ihm] die (Frauen-)Ware gefällt“ (Sonja Eismann in der Spex #345). Dafür, dass Beyoncés Fans weltweit in dem Song einen Appell sehen, sich aus einer Beziehung zu lösen, die ihre Bedürfnisse nicht befriedigen kann oder in der ihr Partner sie nicht so wertschätzt, wie es angebracht wäre, verbürge ich mich persönlich, und augenrollend. Dieser Song sagt wie Samantha einst in Sex and The City (einer Show deren emanzipatorische Leistung ebenfalls nur in absoluten Ausnahmefällen anerkannt wird): „Ich liebe dich, aber ich liebe mich mehr.“ Wie gesund ist das denn?

    Es kommt noch besser: Während die meisten weiblichen Popstars dieser Tage das Wort „Feminismus“ nicht mal mit der Kneifzange anfassen würden, bedient sich Beyoncé in Interviews eines dezidiert feministischen Vokabulars. Als Katy Perry 2012 von Billboard zur Frau des Jahres gewählt wurde, sagte sie, sie sei keine Feministin, aber sie glaube an die „Macht der Frauen“. Lady Gaga: „Ich bin keine Feministin. Ich mag Männer. Ich liebe Männer.“ Da könnte es einem Angst und Bange werden, gäbe es nicht Queen Bey. Die sagte in einem Interview mit GQ letztes Jahr: „Seien wir ehrlich, Geld gibt Männern die Macht das Showbiz zu gestalten. Es gibt Männern die Macht, Werte zu bestimmen. Sie definieren, was sexy ist. Und sie definieren was feminin ist. Das ist lächerlich!“ Schon vier Jahre zuvor holte sie sich mit ihrem Song Diva („Diva is the female version of a hustler“) ein Wort zurück, dass vom Patriarchat seit Jahrzehnten benutzt wird, um eine Frau mit klaren Bedingungen und Ansprüchen als ‚kompliziert’ darzustellen.

    Beyoncés Präsenz im Bikini auf Werbeplakaten der Bekleidungsfirma H&M hat zu Beginn diesen Jahres für fast so viel Aufruhr gesorgt wie Nina Kraviz’ Badewanneninterview für Resident Advisor. In einem Portrait des Online-Magazins für elektronische Musik und Clubkultur gab sie in einer Badewanne sitzend über ihre Musik und Karriere Auskunft. Viele Zuschauer und ihre DJ-Kollegen monierten, sie setze ihr gutes Aussehen unangemessen für ihren Erfolg ein. Es drängt sich einem in beiden Fällen, da es sich ja um selbstbestimmte, emanzipierte Frauen handelt, folgende Frage auf: Na und? Eine derartige Zensur des weiblichen Körpers ist schließlich eine Folge seiner Sexualisierung und damit genauso ein Problem wie die Ausbeutung weiblicher Sexualität. Im Fall von Beyoncés Bademodenkampagne darf man außerdem nicht vernachlässigen, dass dadurch immerhin mal eine Frau mit Durchschnitts-BMI auf den Plakatwänden der Welt klebt. Abgesehen davon klagen in diesem Fall auch Menschen Konsequenz ein, die sich nicht mal zum Vegetarier-Dasein durchringen können.

    Und sie vergessen dabei, dass Beyoncé genau deshalb so erfolgreich ist, weil sie die Prinzipien des Pop und des Mainstreams für sich zu nutzen und sogar zu formen weiß. Es ist schließlich dieses Feingefühl, das ihr ein so enormes Publikum verschafft. Darum hören ihr so viele Menschen zu. Darum ist sie so einflussreich wie sie ist. Soziale Missstände lassen sich nur ändern, wenn man die Zielgruppe erreicht, die ebendiese als den Status quo erhält. Dass sich Beyoncé Knowles dieser Aufgabe mit einer solchen Beharrlichkeit und Dringlichkeit widmet, ist ein Geschenk. Und das alles in Stillettos!