Paradies in Formaldehyd

    Sie müssen sich die Schweiz als ein Experiment vorstellen. Eine waghalsige und visionäre Idee, weltweit unvergleichlich: Auf dem Herd der Geschichte dieses kleine Land zu köcheln. Willkürlich Kulturen, Sprachen, Eigenheiten zu vermengen. Auf das Etikett „Paradies“ zu schreiben. Daneben der Rest Europas als Kontrollgruppe zu stellen. Und dann mal schauen, was passiert.

    Spoiler Alert: Nichts passiert. Also nicht nichts, aber auch nicht viel. Keine Zombies, keine Mutanten, keine hybriden Paneuropäer entsteigen der trüben Suppe. Stattdessen offenbart sich ein Land im Zeichen des Pragmatismus und der aktiven Selbst-Negierung. Wenn man auch nur versucht, die Konturen der Schweiz in groben Sätzen nachzuzeichnen, oder die alte Dame Helvetia auf die Freudsche Couch zu legen versucht, kriegt man es mit ihren Wächtern zu tun. Sie wachen über die Idee der Schweiz, als sei sie ein Elixier, das verunreinigt werden könnte oder eben: ein Experiment, das unter höchster Geheimhaltungsstufe läuft und in das man besser nicht hineinpfuscht, weil es um die Weiterführung der Existenz der menschlichen Spezies oder zumindest um sehr viel Geld geht.

    Dabei bin ich ganz gut aufgestellt. Meine Eltern kommen aus den hinteren Tälern der Innerschweiz, da wo drei Eidgenossen mal die Finger in die Luft hielten und sich auf ein „einzig Volk von Brüdern“ einigten, und mein Name endet mit dem Diminutiv „-li“, jenem Wortlaut, der wie ein Gütesiegel mit jeder Namensnennung mitschwingt. Er steht als Garantie dafür, dass jeder meiner Sätze mit diesem sonderlichen – andere würden „niedlich“ sagen – Akzent versehen wird.

    „Ach, dieses Schwyzerdütsch ist ja ganz einfach zu verstehen“, kriegt man zuweilen im deutschsprachigen Umland zu hören, und das, obwohl man ja eben Hochdeutsch gesprochen hat und nicht einen dieser unverständlichen Berglerdialekte, die wir unter „Schwyzerdütsch“ verstehen und auf die wir sehr stolz sind.

    Falls das alles ein großes Experiment ist, bin ich eines der Versuchskaninchen und ich kann getrost mitteilen: Bislang funktioniert das alles ganz gut. Viel zu gut. Die Arbeitslosigkeit ist im Vergleich zum restlichen Europa fast beschämend tief und viele Firmen rechnen bereits seit Jahren wieder mit Renditen von 15 Prozent aufwärts. Das Parlament beschäftigt sich mit kleinteiligen Sonderfragen und Regulierungen zu Problemen, über deren Existenz sich die meisten anderen Länder freuen würden. Den Medien mangelt es an relevantem Material, was dazu führt, dass selbst Qualitätsblätter Absurditäten aufbauschen müssen und sich dadurch selbst ins Abseits befördern. Einer der besten investigativen Journalisten des Landes sagte mir kürzlich: „Seien wir ehrlich: Es gibt einfach zu wenig große Probleme hier.“

    Wir, die Kaninchen, fühlen uns so weit ganz behaglich. Der Schweizer an sich ist Naturromantiker. Er gibt jährlich sehr viel (Steuer-) Geld aus, um regionale Bauern zu subventionieren, die unter realen Marktverhältnissen längst aufgegeben hätten, weil die Landwirtschaft in diesem Land sich kaum mehr rechnet. Dafür erhält sich der gemeine Städter den Bauern so als institutionalisierten Dorfdeppen, der im Zuge seiner Produktion auch mal an den Bedürfnissen der Abnehmer vorbeiwirtschaftet, was dazu führt, dass es irgendwo in der Schweiz Kühlhausflächen voller Buttertürme gibt, die sich niemand aufs Bio-Brot streichen will. Der Schweizer also fühlt sich zwar urban und zeitgeisty, hält sich im Herzen aber für einen Bergler. Das führt dazu, dass sich Wochenende für Wochenende die Städter in den Zügen Richtung Alpen auf den Füßen stehen, um da dem Ruf der Berge zu folgen. Der Schweizer hat das nötige (und zwar genau das für den Trip adäquate) Material dabei, markengläubig wie er ist. So baumelt die SIGG-Trinkflasche am MAMMUT-Rucksack und das karierte, kurzärmelige GEOX-Hemd wird durch eine leichte HAGLÖFS-Windbreaker-Jacke ergänzt. Der Schweizer kann sachkundig über Wetterlage und Hangexposition Auskunft geben und schwärmt von besonders verlassenen Routen, wo die Hütten des Schweizer Alpen Clubs S.A.C. besonders karg bemöbelt sind. Dann zückt er sein iPhone (nein, kein Smartphone, ein iPhone, wie alle Schweizer iPhones besitzen, weil sie pragmatisch und gut gestaltet, kurz „gäbig“ sind und weil „gäbig“ das Zauberwort ist) und wählt eines seiner zahlreichen Fotoalben an, zum Beispiel die persönliche Sammlung besonders verlassener Plumpsklos auf Bergspitzen oder von der lauschigen Jass-Runde beim Kafi Lutz.

    Als die Schweiz vor wenigen Jahren über baurechtliche Einschränkungen in den Berggebieten abstimmen konnte, taten dies die Städter mit besonderem Engagement. Nun dürfen dort keine Feriensiedlungen und Zweitwohnungen mehr gebaut werden, denn sonst würde die Landschaft „verschandelt“ und das würde ja die Wanderlust eindämmen. Eine Variation dieser Paradies-im-Paradies-Gestaltung pflegen die Auslandsschweizer, oft Pensionäre, die mit ihrem Ersparten auf Thailand ein Lotterleben führen und deren Stimme bei jeder nationalen Abstimmung verlässlich am konservativsten ausfällt. „Ihre“ Schweiz soll so bleiben, wie sie war, als die Exilanten sie für Thailand verließen.

    Neulich stand in einer Zeitung, Forscher hätten entdeckt, dass die Schweizer Seen zu sauber sind. Als Folge davon schrumpft die Fisch-Population in den Seen. Weil die Reinigungssysteme sämtliche essbaren Substanzen herausfiltern, schwimmen die Schweizer Fische nun quasi in Outdoor-Aquarien ohne Fütterung. Das passt zum Selbstbild vieler Einwohner. Von klein auf wird einem eingetrichtert: Unser Wasser ist das beste und sauberste. Es kommt direkt aus den Bergen, mineralhaltiges Quellwasser, das andere Nationen teuer einfliegen lassen. Wir Schweizer mögen den Gedanken, dass unser Wasser direkt vom Wasserfall kommt. Und das der anderen nicht. Dieser Illusion darf auch ein wenig nachgeholfen werden, mit High-Tech-Filtersystemen und chemischen Substanzen, damit der „Hahneburger“, das Wasser vom Küchenhahn, auch schmeckt.

    Die Schweiz in den Augen ihrer Wächter: Es muss das Paradies auf Erden sein. Eine puristische Utopie, von Natur aus sauber. Dreck, Bakterien, Probleme? Das kommt doch von außerhalb.

    Vor ein paar Wochen saß ich vor einem überteuerten Thai Restaurant in einem der boomenden Viertel Zürichs und beobachtete, wie der gelangweilte Kellner begann, die Topfpalmen, die die Terrasse einrahmten, mit einer Zahnbürste zu reinigen. Er nahm sich dafür einen teuer aussehenden Stuhl zur Hilfe, auf dessen Polster er balancierte, während er Palmenblatt um Palmenblatt bürstete. Je länger ich zusah, desto mehr rührte mich der Anblick. Zuerst dachte ich, der Mann hat sie nicht alle. Dann wurde mir klar, dass er – oder zumindest sein Chef – glaubt, die Schweizer Kundschaft erwarte das. Wir haben sie nicht mehr alle, denn: Er hat recht. Bei jedem Stadtfest sind um vier Uhr morgens schon Heerscharen von Straßenputzern im Einsatz, damit am nächsten Morgen kein Konfetti mehr den geneigten Besucher stört. Wie die meisten dieser Leute, die das Funktionieren des Paradieses garantieren: Straßen-, Tunnel-, Bahnarbeiter, sind auch bei vielen der Straßenputzer Immigranten am Werk. Sie helfen, die Illusion eines perfekten Gesellschaftssystems zu erhalten. Als Dank dafür winkt ihnen die Schweizer Staatsbürgerschaft. „Papierlischweizer“ werden sie dann von xenophoben Kreisen genannt, denn „reine“ Schweizer seien sie ja nicht. Da ist sie wieder, die Obsession mit der Reinheit.

    Wie Fische in aseptischem Wasser: So fühlen sich viele, die zugezogen sind. Das Land und sein inhärenter Konformismus lassen – trotz der eigentlichen Vielfalt – kaum Reibungsfläche zu. Nirgends wird das Prinzip der Assimilation so deutlich wie hier, wo den Deutschen in der Bäckerei gesagt wird, sie sollen leiser und höflicher sein und den türkischen Mädchen in der Schule, ein wenig mehr „Aufmüpfigkeit“ könne nicht schaden. Ich habe viele Kreative an der schweizerischen Kleingeistigkeit verzweifeln gesehen. Für jede Idee braucht es einen Businessplan, jedes Wagnis erscheint nicht als Abenteuer, sondern als Risiko. Wenn die Diskretion König ist, welcher Raum bleibt da noch für Experimente? Vielleicht ist das der Grund, warum die Schweiz kaum je Gegenstand einer Auseinandersetzung ist. Und dies, obwohl sie vielen bedeutenden Künstlern eine Heimat geboten hat.

    Im Sommer letzten Jahres etwa war der nigerianisch-amerikanische Schriftsteller Teju Cole in Zürich als Schreibstipendiat zu Gast. Eines lauschigen Sommerabends lud Cole zu einer Lesung im alten Botanischen Garten – und die Leute standen schon Stunden vorher an. Umhüllt vom Licht der Lampions las Cole aus seinen zwei Büchern Open City und Every Day is for the Thief und gab Einblicke in seine Welt: als ständiger Pendler zwischen den Welten, zwischen Lagos und New York City, zwischen dem Kunsthistorikerdasein und der Schriftstellerei, als demütiger Liebhaber der großen Klassiker und lustvoller Entdecker neuer Formen. Kurzum, der Mann in seiner ganzen transkulturellen Vielfalt verkörperte das Gegenteil von Purismus. Die Stimmung am Ende der Lesung war euphorisch, Cole hatte sich erfrischend redselig gezeigt und mit klugen Einsichten überrascht, als sich bei der Fragerunde als erstes eine ältere Dame erhob. Sie hob ihren Zeigefinger und begann in holprigem Englisch einen Nebensatz Coles über den Nutzen von genmanipuliertem Reis in der Ernährung Asiens zu kritisieren. „I am not an expert“, sagte sie zum Schluss, „but I want to let you know that you are wrong.“ Die nächsten vier Wortmeldungen behandelten dasselbe Thema: Das Für und Wider der Genmanipulation wurde behandelt, und während die Leute über den Köpfen mehrerer hundert Zuschauern halbwissend diskutierten, saß Teju Cole auf der Bühne und verstand die Welt nicht mehr. In welcher Welt lebten diese Menschen?, Welcome to Schwyzerland, Mr. Cole. Dem Paradies in Formaldehyd.