„Mein Freundil Francis“ und die Grenzen der deutschen Grammatik

    Ich schreibe diesen Artikel, weil ich mit meiner wahren Liebe nach Berlin fahren möchte. Will das nicht jeder? Es könnte so einfach sein: Wenn wir ein bisschen sparen würden, könnten wir uns die Tickets leisten und ich habe eine Menge Freunde dort, bei denen wir unterkommen könnten. Aber etwas hält mich zurück. Ich habe vor Kurzem festgestellt, dass der deutschen Sprache derzeit die grammatikalische Struktur fehlt, um die Identität meiner wahren Liebe zu beschreiben. Würden wir nach Deutschland fahren, ich wüsste nicht, wie ich meine wahre Liebe vorstellen sollte. Ich muss hier immer wieder ‚meine wahre Liebe’ sagen, weil ich weiß, dass dieser Artikel ins Deutsche übersetzt wird und es geht ja genau darum, dass es keine anerkannte Möglichkeit gibt, meine wahre Liebe mit einem deutschen Pronomen zu bezeichnen. Das liegt daran, dass meine wahre Liebe (sie heißt Francis, der Kürze halber) eine genderqueere Person ist, von der im Englischen mit den Pronomen ‚they/them’ die Rede ist.[1]

    Ich hatte angenommen, dass es in der deutschen Sprache ein Äquivalent zu ‚they/them’ gibt, eine Reihe von Pronomen und anderer Ausdrucksweisen, um Personen zu bezeichnen, die sich keinem Geschlecht zugehörig fühlen. Als ich aber Flo, einen Freund von mir, der in Berlin lebt, danach fragte, konnte er mir keine befriedigende Antwort geben. Flo hatte noch nie von ‚they/them’ gehört, obwohl er fand, es sei eine elegante Lösung. Er sagte: „Es ist so schwierig im Deutschen. Die Sprache basiert auf dem Geschlecht. Man kann keine geschlechtsneutralen Begriffe verwenden, ohne die Sprache zu zerstören.“ Als ich mit Flo sprach, wurde mir auf einmal klar, dass Francis und Deutschland vielleicht nicht auf Anhieb kompatibel sein würden, dass sie vielleicht von linguistischen Unterschieden getrennt werden würden. Von Unterschieden, die unerbittlicher und grundsätzlicher sind, als die einfache Tatsache, dass Francis noch kein Deutsch spricht.

    Während eine Deutschlandreise mit Francis schon wegen der Nutzung korrekter Pronomen frustrierend wäre, gibt es noch ein anderes, beunruhigenderes Problem. Die Idee, dass jemand wie Francis als deutschsprachige Person aufwächst. Wie wäre es, eine Identität zu haben, die sich keinem Geschlecht zuordnet, wenn einem nur die Werkzeuge einer Sprache zur Verfügung stünden, die grammatikalisch auf eine strenge Geschlechtertrennung besteht und somit die ganze Existenz einer solchen Person ignoriert?

    Der Hintergrund – im Englischen

    In der queeren und alternativen Szene ist ‚they/them’ zu einer ziemlich normalen Alternative zu ‚he/him’ und ‚she/her’ geworden. Tatsächlich gab es im englischen Sprachraum schon im 19. Jahrhundert Menschen, die Notwendigkeit für,ein geschlechtsneutrales Pronomen sahen. Um den Economist zu zitieren, der den Linguisten Dennis Baron zitiert, welcher wiederum einen Artikel aus dem Atlantic von 1878 zitiert: „Wir brauchen ein neues Pronomen. Der Bedarf an einem einzelnen persönlichen Pronomen des gemeinsamen Geschlechts ist so dringend, akut und zwingend, dass es, etablierten Theorien zufolge, schon lange in unserer Sprache hätte wachsen sollen, wie Schwänze an den Affen wachsen.“ Der Mangel an so einem Pronomen brachte Dutzende erfundene Varianten hervor, unter anderem das bekanntere ‚ze/hir’.

    Mir persönlich gefällt ‚they/them’ aber immer noch am besten. Es ist sowieso schon recht geläufig, ‚they/them’ als Ersatz für das gewöhnliche Maskulinum zu benutzen, wenn das Geschlecht nicht angegeben wird oder irrelevant ist.[1] Für eine Weile, in den frühen Zweitausendern, erlaubte Facebook – großer Gebieter der gängigen Meinung – seinen Nutzern, eine genaue Geschlechterzuordnung zu umgehen und stattdessen mit ‚they/them/their’ in den Statusmeldungen bezeichnet zu werden. Idiotischerweise nahm Facebook diese Option 2008 zurück, weil die Firma, dem Facebook-Blog zufolge, „Rückmeldungen von Übersetzern und Nutzern in anderen Ländern bekommen hatte, dass die Übersetzungen am Ende zu verwirrend würden, wenn die Leute sich auf ihren Profilen nicht auf ein Geschlecht festgelegt hatten.“[2] Ach so?

    Damit ich nicht falsch verstanden werde: Die englischsprachige Öffentlichkeit hat noch einen weiten Weg vor sich, bis geschlechtsneutrale Pronomen akzeptiert und verstanden sind. Aber wenigstens werden die auf dem Geschlecht beruhenden Ungerechtigkeiten nicht auch noch durch die Grammatik gefördert. Das ist noch nicht der Fall im Deutschen. Warum hat das Thema in der englischen Sprache so viel mehr Aufmerksamkeit erfahren als in der deutschen? Und wie kann ich Francis’ geschlechtliche Identität, wenn ich mich lediglich über mein Leben und meine Liebe unterhalte, mit den Einschränkungen der deutschen Sprache in Einklang bringen?

    In der Linguistik gibt es zwei Möglichkeiten, diese Frage zu beantworten: eine präskriptive und eine deskriptive. Präskriptive Linguistik stellt dar, wie Sprache benutzt werden sollte, sie fragt: Was ist die linguistische Lösung für das Problem der transgender, genderqueeren, intersexuellen und geschlechtsneutralen Unsichtbarkeit?[3] Präskriptive Linguistik stellt sich der Herausforderung, Regeln der Sprache zu erfinden und sie durchzusetzen. Deskriptive Linguistik hingegen beobachtet und analysiert objektiv, wie Sprache benutzt wird. Denn wie können linguistische Lösungen von Bedeutung sein, wenn sie der Realität nicht standhalten? Beide Methoden haben ihre Befürworter und Gegner und keine von beiden kann das Problem völlig lösen. Aber wir können ja einmal sehen, wie weit wir mit einer Kombination aus beiden kommen.

    Die deutsche Vorschrift

    Man wird schnell feststellen, dass es unmöglich ist, auf Deutsch von jemandem zu sprechen, ohne sich für ein Geschlecht zu entscheiden. Meine erste Erfahrung damit machte ich auf der Kunstbuchmesse des PS1. Ich versuchte, ein Geschenk für Francis zu finden und unterhielt mich mit einem Mädchen, das eigentlich sehr nett war. Sie war mit einem Künstlerkollektiv aus dem Rheinland auf der Messe und ich freute mich darüber, mein Deutsch an ihr üben zu können. Seit meinem Gespräch mit Flo wusste ich eigentlich, dass es schwierig sein würde, von Francis zu sprechen. Trotzdem überraschte es mich, wie kompliziert es tatsächlich war, sich normal und freundlich darüber zu unterhalten.

    Eigentlich sehr nettes Mädchen: Dieses Buch ist ein Theaterstück, geschrieben von einem Maler.

    Ich: Perfekt! Mein Partner schreibt Stücke, und – [zögernd, nicht wissend, welches Pronomen ich benutzen sollte, griff ich aufs Englische zurück und erklärte, dass weder ‚sie’ noch ’er’ korrekt ist].

    Eigentlich sehr nettes Mädchen: [skeptischer Gesichtsausdruck] Aber im Deutschen gibt nur zwei Möglichkeiten – du musst dich entscheiden!

    In der Tat. Und anders als im Englischen, wo Geschlechtsneutralität durch Relativpronomen wie ‚who’, ‚whose’ und ‚that’ aufrechterhalten werden kann, hängen Relativpronomen im Deutschen von ihrem bestimmten Geschlecht ab, weshalb sich die Anzahl der geschlechtlichen Ausdrücke verdoppelt. Darüber hinaus ist das Deutsche voll von anderen Geschlechterfallen, wie zum Beispiel das generische Maskulinum (jedermann, man), die Substantive (LehrerIn, SchülerIn) und die Artikel. Die Bestimmung des Geschlechts ist unvermeidlich.

    Auftritt Luise Pusch. Pusch, eine selbsternannte „Veteranin des Kampfes für die gerechte Sprache“ seit den achtziger Jahren, ist eine Linguistin, die sich umfassend mit der deutschen Sprache und der verdrehten Wahrnehmung von Geschlecht, die sie aufrechterhält, beschäftigt hat. Pusch konzentriert sich auf die Notwendigkeit, offenkundig sexistische Elemente der linguistischen Vergeschlechtlichung auszumerzen. Ihre Intention war es, grammatikalisch unterrepräsentierte Gruppen (vor allem Frauen) durch Worte sichtbar zu machen. Sie und andere, die in der deutschen feministischen Bewegung aktive waren, richteten sich gegen eine Grammatik, „die etwa vorschreibt, dass aus 99 Sängerinnen und einem Sänger zusammen 100 Sänger werden.“ In letzter Zeit hat sie ihre linguistische Aufmerksamkeit jedoch auf die grammatikalisch noch weniger Sichtbaren gerichtet: die geschlechtsneutrale Bevölkerung.

    In ihrem Essay „Die Frau, die Mann, die Kind – oder das dritte Geschlecht“ skizziert Pusch ein paar schnelle Lösungen für das Problem. Sie entwirft aber auch ein sorgfältig konstruiertes, unfassbares, geschlechtsneutrales linguistisches System. Aber zuerst die schnellen Lösungen. Pusch weist darauf hin, dass das ‚eigentlich sehr nette Mädchen’ von der Buchmesse falsch lag – im Deutschen gibt es nicht „nur zwei Möglichkeiten“. Um genau zu sein, gibt es drei. Anders als romanische Sprachen hat das Deutsche ein Neutrum, dessen Potenzial, wie Pusch behauptet, nicht voll erschöpft ist. „Für das Deutsche habe ich schon vor Jahrzehnten das Neutrum vorgeschlagen, für all die Fälle, in denen kein Geschlecht von vorneherein bevorzugt werden soll“, schreibt sie. „Aus ‚Wer wird der nächste Bundeskanzler’ würde dann ’Wer wird das nächste Bundeskanzler?’ Viel stimmiger. In Stellenanzeigen würde es heißen: ‚Gesucht wird ein katholisches Theologe, das sich in feministischer Theorie auskennt. Es darf auch gern verheiratet sein.’ Murrenden Frauen und Männern, die sich nicht mit Tieren und Gegenständen in der Kategorie ‚Neutrum’ wiederfinden mochten, habe ich damals patzig erklärt: ‚Mir jedenfalls wäre es lieber, als Neutrum bezeichnet zu werden denn als Maskulinum verkannt bzw. mitgemeint’“

    Na schön, Frau Pusch. Das wäre ein Anfang. Aber, wie sie selbst zugibt: Obwohl es funktioniert, wenn man den generellen oder hypothetischen ‚jemand’ meint, ist es ziemlich schwierig, einem Freund oder Partner das ‚es’ anzudienen.[4] Um das langfristigere Ziel zu erreichen, dass in einer Sprache alle geschlechtlichen Identitäten miteinbezogen werden, setzt sich Pusch für eine systematische Neutralisierung der gesamten Sprache ein. Eine Methode, die die Sprache zerstört, wie sich Flo ausdrückte. Warnung: Hier wird es technisch.

    Wir fangen mit den Endungen an. Im Deutschen werden maskuline Substantive (zum Beispiel Arbeiter) benutzt, um sowohl das Spezifische (den einzelnen männlichen Arbeiter), als auch das Allgemeine (jeden beliebigen Arbeiter) auszudrücken. Um eine Arbeiterin zu bezeichnen, wird ein weibliches Suffix zum männlichen Wortstamm hinzugefügt. Man braucht also den männlichen Wortstamm, um eine weibliche Realität zu bilden. Es ist ein unausgewogenes System, eines, in dem das Maskulinum in zwei Formen repräsentiert ist, das Femininum in einer vom Maskulinum abhängigen, und das Geschlechtsneutrale (GN) überhaupt nicht. Hier ist eine Darstellung:

    Maskulinum              Femininum                 GN

    Allgemein                                                               

    Arbeiter         Arbeiter + in

    Pusch spricht sich also dafür aus, die Gewichtung zu verändern und ein symmetrisches Modell zu erschaffen, in dem jedes Substantiv auf seinen Wortstamm reduziert würde. Dann könnte man entweder ein männliches, weibliches oder GN-Suffix hinzufügen, um das Geschlecht anzuzeigen, wenn nötig. Das würde natürlich die Erfindung von spezifischen männlichen und GN-Suffixen voraussetzen, welche in diesem Fall ‚is’ und ‚il’ sind. Symmetrische Darstellung:

    Allgemein

    Arbeiter 

    Maskulinum               Femininum                 GN 

           Arbeiter + is             Arbeiter + in             Arbeiter + il

    Bleiben noch Artikel und Pronomen. Hier wird es spannend. In Puschs System gibt es nur einen Artikel und ein Pronomen, nämlich ‚die’ und ‚sie’. ‚Die’ ist geschlechtsneutral und beruft sich in der Deklination sowohl auf das Maskulinum als auch auf das Femininum. Also: die Frau, der Frau, dem Frau, den Frau; die Mann, der Mann, dem Mann, den Mann; die Kind, der Kind, dem Kind, den Kind. Das dazugehörige Pronomen ‚sie’ wird wie folgt dekliniert: sie, ihr, ihm, ihn. Alle sind glücklich! Vor allem diejenigen, die Deutsch lernen. Sie müssten nur vier (nur vier!) Pronomen und Artikel für jedes Genus lernen anstatt der schwindelerregenden zwölf, unter denen Deutschlernende auf der ganzen Welt leiden.

    Sobald ich anfing, durch das komplexe System zu waten, erschienen mir Puschs Lösungen präzise, ja sogar elegant: Präskriptive Linguistik, wie sie nützlicher nicht sein könnte. Aber wird es je möglich sein, Jahrhunderte von patriarchalischer und unflexibler linguistischer Entwicklung umzuformen? Wohl kaum. Eines der vielen Probleme der präskriptiven Linguistik ist natürlich, dass es keinen Mechanismus gibt, der einen Wandel herbeiführen könnte. Es gibt keine Grammatikpolizei. Ich hatte das Glück, einige höfliche und informative E-Mails über das Thema mit Luise Pusch auszutauschen. Als es aber darum ging, ob sie tatsächlich glaube, dass so ein System durchsetzbar sei, hatte sie keine Zeit mehr und meine Abgabe nahte. Also nehme ich an, dass sie weiterhin über das Thema schreibt und spricht. Wie sie auf ihrer Webseite lakonisch bemerkt: „frau gewöhnt sich [irgendwann] daran“.

    Die deutsche Darstellung

    Luise Pusch ließ mich in eine idyllische, grammatikalisch geschlechtergerechte Zukunft reisen. Aber wie abgehoben ist diese Vorstellung wirklich? Habe ich (oder irgendjemand anderes) tatsächlich die Eierstöcke, um in Berlin aufzutauchen und zu sagen: „Hey, wie geht’s? Darf ich dir mein ‚Freundil’ Francis vorstellen“? Kommt Zeit, kommt Rat. In der Zwischenzeit  lässt sich das Dilemma auch deskriptiv betrachten. Deskriptive Linguistik fragt: „Wie wird Sprache im Moment gebraucht?“ Um das herauszufinden, begab ich mich in die Blogosphäre, wo ich auf Xier packt xiesen Koffer stieß, ein Online-Magazin von Anna Heger, in dem xie ein Pronomen-System entwirft. Durch Comics bringt Heger xiesen Lesern xiese bevorzugten Pronomen näher: xier für Possessivpronomen sowie Pronomen und dier für Artikel und Relativpronomen. Ich fand die Innovation schon toll, aber es war schwierig, herauszufinden, wie weit verbreitet diese Methode außerhalb Hegers Freundeskreis ist.

    Dann machte ich eine kleine Umfrage in meinem queeren sozialen Umfeld in Deutschland. Ich fing mit einer vermeintlich simplen Frage an: „Hast Du das Gefühl, dass es im Moment in Deutschland die Sprache oder das Vokabular dafür gibt, deine geschlechtliche Identität angemessen zu beschreiben? Falls ja, bist Du damit zufrieden?“ Die Antworten waren unterschiedlich, es schien davon abzuhängen, wie konkret oder abstrakt  meine Gesprächspartner das Konzept der Sprache interpretierten. Gesprächspartner 1 antwortete: „Nein. Das Wort genderqueer wird viel benutzt, aber obwohl ich meine Pronomen bekannt mache, werde ich immer wieder falsch bezeichnet, sowohl von Heterosexuellen als auch von queeren Personen.“ Gesprächspartner 2 hatte ein weniger striktes Verständnis: „Ich definiere Sprache als ein offenes System, dass nur aus den Regeln besteht, die ein Sprecher anwendet, also würde ich ja sagen.“ Die pessimistischste Antwort kam von Gesprächspartner 3, der die Situation so beschrieb: „Nein. Aber ich würde sagen, dass das auch niemals möglich ist, weil Sprache nicht das Chaos des Alltags und das Chaos gelebter Geschlechtlichkeit einfangen kann.“

    Daher die nächste Frage: „Erlebst du Widerstand gegen Deine bevorzugte Geschlechts-Terminologie? Erlebst du generell Widerstand gegen geschlechtsneutrale Sprache?“ Es konnten sich fast alle darauf einigen, dass das der Fall war. Eine Beschwerde über innovative Pronomen, die Gesprächspartner 1 oft begegnete, war: „Wo kommen wir denn da hin, wenn sich jeder seine eigenen Pronomen ausdenkt?“ Gesprächspartner 1 fuhr fort: „Oft wird die Methode der Geschlechter-Einbeziehung (Arbeiter_innen) kritisiert oder als ‚übermäßig PC’ abgelehnt“. Eine Beobachtung, die auch Gesprächspartner 3 gemacht hatte: „Teilweise wird die geschlechtsneutrale Sprache als übermäßig political correct abgelehnt oder auch lächerlich gemacht.“

    Eine Studie des Swiss Journal of Psychology aus dem Jahre 2012 bringt den Widerstand zu geschlechtsneutraler Sprache in Zusammenhang mit sexistischen Ansichten. Die Miesmacher, die sich hinter Bedenken wie „übermäßig PC“, „unelegant“ oder „schwer zu verstehen“ verstecken, mussten Fragen aus psychologischen Tests mit großartigen Namen („Skala der Einstellung gegenüber Frauen“, „Skala des feindseligen Sexismus’“, „Skala des modernen Sexismus“ und „Skala des wohlwollenden Sexismus“) beantworten. Die Teilnehmer waren alle, in unterschiedlichem Maße, Sexisten. Das überrascht mich nicht besonders, aber es bereitet mir heimliche Genugtuung, es so schwarz auf weiß zu sehen.

    Eine soziologische Dissertation mit dem Titel Sprache und Geschlecht; Eine empirische Untersuchung zur ‚geschlechtergerechten Sprache’ versucht, das Verhältnis der breiten Öffentlichkeit zur geschlechtsneutralen Sprache zu verstehen und ihre Ergebnisse stimmten mich ein bisschen hoffnungsvoller. Die Befragten unterschieden sich in Hinblick auf Alter, Bildungsgrad und Geschlecht. Als sie gebeten wurden, sich zwischen Beidenennung (zum Beispiel: „Die Noten sind von der Lehrerin oder dem Lehrer zu vergeben“) und Neutralisierung (zum Beispiel: „die Noten sind von der Lehrkraft zu vergeben“) zu entscheiden, wählte die überwältigende Mehrheit Letzteres. Das gab mir Hoffnung, da es mich daran erinnerte, wie formbar deutsche Substantive sind. ‚Arbeitskraft’, ‚Lehrkraft’, ‚Studentenschaft’: Man kann ein ‚-kraft’ oder ‚-schaft’ hinzufügen, und schon ist ein neutrales Generikum entstanden. Es muss doch noch mehr solcher kreativen Techniken geben.

    Die Frage, die mich am meisten beschäftigte, konnte durch ein paar Gespräche und Studien aber leider nicht beantwortet werden, wenn sie denn überhaupt beantwortet werden kann. Ich wollte wissen: Beeinflusst die konstante linguistische Verstärkung von geschlechtlicher Ungerechtigkeit die Selbstwahrnehmung der Leute in Bezug auf geschlechtliche Identitäten? Hat das traditionelle, grammatikalische System direkte Auswirkungen auf geschlechtsneutrale Personen und ihr inneres Erleben oder ihre Ausdrucksformen von Geschlecht? Gesprächspartner 2 sagte: „[Die deutsche Sprache] hatte große Auswirkungen auf meine Fähigkeit, Formulierungen, Taten und Perspektiven zu reflektieren. Das Deutsche hat mir sehr geholfen, Gruppen, Hierarchien und andere soziale Strukturen zu analysieren.“ Diese Perspektive zeigt Sprache als einen Mikrokosmos gelebter Ungerechtigkeit und Repression, aber auch als einen Weg, sie zu verstehen, aufzudecken und zu kontrollieren.

    Die Zukunft

    Die Studie des Swiss Journal of Psychology zeichnete die Haltung von Leuten im Universitätsalter in drei Regionen nach: In Großbritannien, wo geschlechtsneutrale Sprache „fest etabliert“ ist; im deutschsprachigen Teil der Schweiz, wo „die Benutzung solcher Sprache erst seit kurzer Zeit stattfindet“ und im französischsprachigen Teil der Schweiz, wo sie „noch selten vorkommt“. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass der Widerstand gegen geschlechtsneutrale Sprache wahrscheinlich abnehmen wird. Je länger geschlechtsneutrale Sprache im öffentlichen Diskurs existiert, desto weniger Widerstand erfährt sie.

    Ich fragte meine drei Gesprächspartner nach ihren persönlichen Prognosen für die Weiterentwicklung der deutschen Grammatik und ihrer Geschlechtssysteme und bekam ein paar zurückhaltend optimistische Antworten. Gesprächspartner 1: „Wie bei jedem lebenden Organismus wird sich, da habe ich keine Zweifel, die Sprache mit der Zeit ändern und ich kann nur hoffen, dass queere Stimmen (vor allem die von geschlechtsneutralen Personen) die Richtung dieses Wandels beeinflussen.“ Gesprächspartner 3: „Naja, der Unterstrich (‚Student_innen“) ist recht erfolgreich, er wird sogar von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes verwendet. Aber die Versuche, geschlechtsneutrale Pronomen zu verwenden, halte ich für aussichtslos, weil sie zu merkwürdig sind. Aber wer weiß …“

    Gesprächspartner 2 prophezeite Folgendes: „Es wird eine kleine Gruppe von privilegierten Leuten geben… Sie werden alles tun, um die Menschen in Schach zu halten, sie werden versuchen, die Sprache zu regulieren, verschiedene Formen zu verbieten und so weiter. Aber ich denke auch, dass es eine Menge Leute geben wird, die so weit von der klassischen oder sogenannten ‚höheren’ Bildung entfernt sind, dass sie die Sprache einfach benutzen werden (wie sie es ja schon immer getan haben). Die Sichtbarkeit von Frauen und anderen Perversen (also ‚nicht-männlichen Menschen’) wird sich erhöhen und damit auch das Bewusstsein und die Repräsentation in der Sprache.“ Interessanterweise wird diese Vorhersage teilweise in der Dissertation über Sprache und Geschlecht bestätigt, wo es heißt: „Menschen mit niedrigerem Bildungsstand stehen einer geschlechtergerechten Sprache positiver gegenüber als Menschen mit höherem Bildungsstand.“

    Zwei Denkrichtungen offenbaren sich in meinen deskriptiven und präskriptiven Erkenntnissen. Die erste, der auch Gesprächstpartner 2 angehört, glaubt, dass die höhere Sichtbarkeit von geschlechtsneutralen Personen in der Gesellschaft eine Repräsentation in der Sprache zur Folge hat. Der gegensätzliche Gedanke, den Luise Pusch präsentiert, ist, dass geschlechtsneutrale Personen Anerkennung in der Sprache erhalten müssen, damit gesellschaftliche Sichtbarkeit und Gleichberechtigung folgen können. Die Lösung muss irgendwo dazwischen liegen. Wenn man das Problem von beiden Seiten angeht, so wie Gesprächspartner 2 in der Szene und Linguisten wie Luise Pusch in der akademischen Welt, scheint ein Wandel unvermeidlich, wenn auch in weiter Ferne. Was mein persönliches Dilemma angeht: Ich fragte Francis, was ‚they’ dachte, nachdem ‚they’ das Essay gelesen hatte. Welche Pronomen wollte ‚they’ benutzen? Welches geschlechtergerechte System unterstütze ‚they’? Da sagte ‚they’ nur: „Hör zu, ich weiß es nicht, aber lass uns nicht warten, bis das Problem gelöst ist, um nach Berlin zu fahren, okay?“

    Ich möchte Flo Boss, Luise Pusch und meinen Gesprächspartnern dafür danken, dass sie sich Zeit genommen und sich Gedanken gemacht haben.

    Aus dem Englischen von Theresia Enzensberger

     


    [1] Zum Beispiel: “My roommate [not gender-specific] is coming to the potluck tonight!” “Oh wonderful! What kind of food do you think they’ll bring?”

    [2] Es gibt eine Menge Unterschriftensammlungen, um ‚they’ im englischsprachigen Facebook wieder einzuführen. Außerdem gibt es eine Menge von Informationen, wie man das gegenwärtige System hackt. Google ist dein Freund!

    [3] Im Englischen gibt es den Ausdruck „gender non-conforming“, der in vieler Hinsicht akkurater ist, als das hier benutzte „geschlechtsneutral“. Es geht weniger darum, sich als „neutral“ zu identifizieren, als sich keiner der beiden gesellschaftlich vorgegebenen Optionen zugehörig zu fühlen.

    [4] Zum Beispiel: “Kommt Francis heute Abend zum Essen?” “Das hoffe ich. Ich habe es eingeladen, aber wer weiß mit ihm.” ‚Es’ ist an sich schon seltsam, aber der Dativ ‚ihm’ ist auch noch männlich. Doppelt problematisch!