In Oktaven

    Manchmal wünsch ich mir, es würde eine dunkle Seite geben
    Manchmal wünsch ich mir, Franz Josef Strauss würde noch leben,
    Damit ich endlich wieder wüsste, wofür und wogegen
    Ich noch kämpfen soll,
    Wenn alle Pfade längst betreten sind,
    Alle Bibeln längst gesegnet sind.
    Alle Ideale sind doch morsch und falsch geworden,
    Alle charismatischen Gestalten debil oder verstorben.
    Alles was uns bleibt, ist mediengesteuerte Demagogie,
    Ein Haufen Müll für die Zukunft
    Sowie pragmatische Lethargie.
    Unser Flugzeug stürzt ab
    Und keinen interessiert’s.
    Weil die Sitze sind ja so bequem
    Und mit Sitzheizung und gutem Service
    Ist auch ein Absturz angenehm.
    Ich hab das alles hier satt:
    Alles ist so perfekt, so glänzend, so glatt
    Und keine Sau sieht, was unter dieser Oberfläche liegt.
    Jeder denkt wir seien die Generation Ratio,
    Die nur so vor Ability strotzt
    Nur weil die Jungs in München aussehen,
    Als hätte sie der Golfclub ausgekotzt.
    Bitte sag mir, was man von uns erwartet.
    Bitte sag mir, wer wir sind.
    Bitte sag, du bist erst 20,
    Du willst kein Haus, kein Auto, kein Kind
    Und um Himmels willen keinen Bausparvertrag
    Und erklär mir, warum wir uns ständig an Diskussionen
    Über politische Themen laben,
    Wenn uns unsere Füße nie auf Demonstrationen,
    Sondern stetig nur in Techno Clubs tragen.
    Wir singen in Oktaven,
    Wenn’s doch eigentlich nur um die Terz geht.
    Da fällt’s schon schwer den Ton zu treffen.
    Also verzeih mir, wenn ich sage,
    Dass es uns eigentlich nur an Herz fehlt.

    Das hast du mir ins Ohr gebrüllt
    Und ich hab dich nicht verstanden,
    Weil der Techno-Club war ziemlich laut und überfüllt.
    Ich sagte:
    Wenn deine Bewegung, dein Körper
    Vom kleinen Zeh bis zum Scheitel zur Musik wird,
    Wenn deine Mimik, deine Gestik, deine Zeit nichts mehr zählt,
    Sondern nur noch den Beat fühlt,
    Wenn du mit Box und Boden
    Verschmilzt wie ein Stück Butter in der Kürbiscremesuppe,
    Wenn pure Energie durch deine Adern fließt
    In jedes Glied bis in die Fingerkuppe,
    Wenn du die Kontrolle verlierst,
    Weil die nächste Bewegung von selber passiert,
    Wenn die Vibration im Boden,
    Der Bass im Bauch
    Dir die Fußsohlen massiert,
    Wenn du die Serpentinen zwischen Kick und Snare
    Ohne Bremsen, ohne Zweifel runterjagst,
    Wenn du nicht mehr denkst,
    Sondern nur noch bist
    Und nicht mehr nach den Stunden fragst,
    Dann versprech ich dir das irdische Nirvana
    Für Agnostiker und auch für Atheisten
    Die Übungsekstase für Sonntagsexorzisten.
    Dann gibt es keine Einheit mehr, dein Glück zu messen,
    Dann kannst und wirst du dieses Gefühl nicht mehr vergessen.
    Selbst wenn du die Nacht schon längst verdrängt hast.
    Selbst wenn du deine Leidenschaft an all die Jahre danach verschenkt hast.
    Also nutze jeden Moment, den der Break dir gibt,
    Nutze jede Bassline, die dir die Brust eindrückt.
    Carpe Noctem, nutze die Nacht,
    Die auch uns zu Eltern mit Anekdoten macht,
    Und hör auf nachzufragen, weil so verstehst du das sowieso nie.
    Hör lieber, was die Noises dir sagen,
    Dann wird auch deine Nacht zur Poesie.

    Und unsere Bewegung, unsere Körper
    Werden zu Musik.
    Es gibt kein Denken, kein Morgen
    Nur uns beide und den Beat.
    Wir versinken im großen Teich
    Zwischen Blitzlicht, Körperteilen, Nebelschwaden.
    Wir lösen uns auf
    Wie Würfelzucker in Teetassen an Regentagen.
    Bis ich sagen kann, dass es nichts nützt,
    Wenn einer den andern stützt.
    Weil unsere Kniegelenke vom Tanzen so ausgeleiert sind
    Und sich alles anfühlt wie Sumpf
    Mit einer Prise ungepflügtem Acker.
    Bis ich gar nicht mehr weiß, was ich hier soll.
    Denn ich bin 21
    Und meine körperliche Konsistenz
    Fängt langsam mit dem Schwinden an.
    Und ich weiß, dass ich etwas suche,
    Was ich nur in Nachtclubs finden kann,
    Nämlich Zerstreuung und Flucht.
    Denn unser Weg war stets beklemmend gerade,
    Beklemmend virtuell.
    Es ist, als hätte man uns lange eingefangen
    Und streichelt uns mit zarter Hand durchs weichgespülte Fell.
    Wir leben in einer Welt ohne Schatten,
    Weil sich keiner mehr ins Licht stellt.
    Wir haben nichts zum Hassen also hassen wir uns selbst.
    Die Leute sagen immer,
    Wir seien desillusioniert.
    Dabei ist doch auch das eine Illusion
    Und ich bin gespannt, was als nächstes passiert.
    Denn eigentlich warten wir…
    Darauf, dass es endlich eskaliert.
    Ich weiß, es ist ein leises Ticken.
    Aber laut wird’s, wenn die Bombe explodiert.

    Bis dahin singen wir in Oktaven,
    Wenn’s doch eigentlich nur um die Terz geht,
    In der Hoffnung, dass sie bald zu Terzen werden.
    Also verzeiht uns,
    Wenn ihr denkt, dass es uns einfach nur an Herz fehlt.