Zwischen digitalen Luftschlössern und Kaufhäusern

    Die virtuellen Räume, in denen wir uns bewegen, gehören schon lange nicht mehr uns. Sie werden von riesigen Unternehmen kontrolliert und gesteuert und unablässig von Geheimdiensten überwacht. Aber selbst, wenn wir diese Architektur einfach wieder abreißen könnten, die kulturellen Veränderungen, die sie mit sich gebracht hat, lassen sich schwer rückgängig machen. Es stimmt ja: das Handy wegwerfen, facebook verlassen, Postkarten statt E-Mails schreiben – das sind simple und effektive Mittel, um sich der Überwachung zu entziehen. Der Aufruf zum Boykott neuer Technologien stellt unser aller Bequemlichkeit bloß, den Defätismus, mit dem wir der Kontrolle begegnen und die Heftigkeit, mit der wir bestimmte Endgeräte fetischisieren. Am Fortschrittsglauben hat sich jedoch seit Anfang des 19. Jahrhunderts, als die Ludditen vergeblich gegen die Ungerechtigkeiten der Industriellen Revolution kämpften, wenig geändert. Insofern ist ein völliger Boykott nicht nur aufgrund des allgemeinen Achselzuckens höchst unwahrscheinlich.

    Ein Gebäude ist tatsächlich seit den frühen neunziger Jahren wieder in sich zusammengefallen: Das Luftschloss vom Internet als demokratisierenden Heilsbringer. Dass sich Wirtschaft und Politik den virtuellen Lebensraum unter den Nagel gerissen haben, ist mittlerweile einfach zu deutlich geworden. Im Gegensatz zu Luftschlössern sind unsere digitalen Kathedralen, Kaufhäuser und Cafés aber ebenso Teil der Wirklichkeit wie ihre analogen Pendants. Das anzuerkennen, ist ein wichtiger Schritt. Aber was ist der nächste?

    Politische Macht kann ein Bürger in unserem System fast nur noch durch sein Konsumverhalten ausüben, auch das ist richtig. Um seinen Konsum an seine politischen Vorstellungen und Wünsche anzupassen, muss besagter Bürger allerdings gut genug informiert sein. Wenn diese Vorrausetzungen erfüllt sind, entscheidet man sich also vielleicht gegen den Kauf eines schlauen Apfeltelefons und erwirbt stattdessen eine fairere Alternative. Das ist so ähnlich, wie im Bioladen einzukaufen: Gar nicht schlecht für den Anfang, aber ganz bestimmt nicht die Lösung des Problems.

    Schönerweise gibt es in der digitalen Welt aber eine Möglichkeit, die in der analogen kaum noch gegeben ist: Theoretisch sind wir dazu in der Lage, die Produktionsmittel zu besitzen – jeder kann das Programmieren lernen und damit nicht nur das virtuelle Grundstück besitzen, auf dem er baut, sondern sogar eigenes Baumaterial herstellen. Das zu verhindern, ist eine der Prioritäten von großen Firmen, die uns durch glatte, ‚benutzerfreundliche’ Oberflächen so sehr einlullen wollen, dass wir nicht einmal mehr das Bedürfnis verspüren, hinter die Fassade zu schauen. Worte wie „Nerds“, „Hacker“ und „Kryptographen“ dienen dazu, uns einzuschüchtern und glauben zu machen, Kodieren sei Geheimwissen. Natürlich hat nicht jeder die Zeit oder das Privileg, sich dermaßen in die Materie zu vertiefen. Glücklicherweise gibt es Menschen, die ihre gesamte Zeit darauf verwenden, für uns quelloffene Materialen herzustellen, bei deren Produktion wir mitwirken oder sie wenigstens nachvollziehen können. Übrigens ist das ein gutes Beispiel dafür, dass nicht alles, was kostenlos angeboten wird, auf betrügerischen Intentionen basiert.

    Wir digitalen Ureinwohner sollten uns gegen die Kolonialisierung unserer Welt durch die sogenannten Giganten mit allen Mitteln zur Wehr setzen. Wir sollten dafür sorgen, dass die Aufklärung über mögliche Alternativen mit mehr politischer Intensität betrieben wird, dass der kostenlose Zugang zu digitaler Bildung für die gesamte Bevölkerung gewährleistet ist, und schließlich, dass unsere Kinder schon in der Schule lernen, die Kontrolle über ihre virtuelle Umgebung nicht abzugeben. Eine ganze Generation von Cypherpunks – utopisch? Mit Sicherheit. Aber nur, wenn wir anerkennen, dass diese Art des Wissens politisch entscheidend ist, können wir uns vor der Enteignung unseres virtuellen Hab und Guts schützen.

    Auf die Analogie zwischen virtueller und materieller Architektur bin ich zum ersten Mal bei Elvia Wilk gestoßen, eine der besten Medienkritikerinnen, die ich kenne. Ihre Gedanken zu dem Thema kann man in ihrem Essay über die Internetkultur der neunziger Jahre nachlesen, das in der ersten Ausgabe von BLOCK erscheint.