Paradies in Formaldehyd

Sie müssen sich die Schweiz als ein Experiment vorstellen. Eine waghalsige und visionäre Idee, weltweit unvergleichlich: Auf dem Herd der Geschichte dieses kleine Land zu köcheln. Willkürlich Kulturen, Sprachen, Eigenheiten zu vermengen. Auf das Etikett „Paradies“ zu schreiben. Daneben der Rest Europas als Kontrollgruppe zu stellen. Und dann mal schauen, was passiert.

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„Mein Freundil Francis“ und die Grenzen der deutschen Grammatik

Ich schreibe diesen Artikel, weil ich mit meiner wahren Liebe nach Berlin fahren möchte. Will das nicht jeder? Es könnte so einfach sein: Wenn wir ein bisschen sparen würden, könnten wir uns die Tickets leisten und ich habe eine Menge Freunde dort, bei denen wir unterkommen könnten. Aber etwas hält mich zurück. Ich habe vor Kurzem festgestellt, dass der deutschen Sprache derzeit die grammatikalische Struktur fehlt, um die Identität meiner wahren Liebe zu beschreiben. Würden wir nach Deutschland fahren, ich wüsste nicht, wie ich meine wahre Liebe vorstellen sollte. Ich muss hier immer wieder ‚meine wahre Liebe’ sagen, weil ich weiß, dass dieser Artikel ins Deutsche übersetzt wird und es geht ja genau darum, dass es keine anerkannte Möglichkeit gibt, meine wahre Liebe mit einem deutschen Pronomen zu bezeichnen. Das liegt daran, dass meine wahre Liebe (sie heißt Francis, der Kürze halber) eine genderqueere Person ist, von der im Englischen mit den Pronomen ‚they/them’ die Rede ist.[1]

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Wo man nicht gut aussehen, sondern nur gut schreiben muss, um flachgelegt zu werden

Subjektivität und andere unerfüllte Versprechen des textbasierten Internets

A/G/W (Alter/Geschlecht/Wohnort)? Mit der typischen Chatroom-Frage erkundigt man sich: Wo bist du und in welchem Körper befindest du dich? Es ist egal, ob die Antwort der Wahrheit entspricht – jede beliebige Antwort erlaubt es einem, sich den Menschen am anderen Ende der Leitung auszumalen. Man muss sich diesen Menschen nur in einem Körper vorstellen, um zu glauben, dass man nicht mit einem Computer spricht.

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Malerei: Kevin Kopacka

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She’s all that

Beyoncé Knowles ist eine Ausnahmeerscheinung im Mainstream-Pop. Seit 15 Jahren behauptet sie sich mit immensem Erfolg in einer männerdominierten Industrie ohne ihre Moral zu kompromittieren. Mehr noch: Die Amerikanerin dient Millionen von Mädchen und Frauen auf der ganzen Welt als positives Vorbild. Von ‚Queen Bey’, wie sie ihre Fans nennen, holen sie sich Zuspruch, an ihr können sie sich orientieren.

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© Victoria Sin

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Zwischen digitalen Luftschlössern und Kaufhäusern

Die virtuellen Räume, in denen wir uns bewegen, gehören schon lange nicht mehr uns. Sie werden von riesigen Unternehmen kontrolliert und gesteuert und unablässig von Geheimdiensten überwacht. Aber selbst, wenn wir diese Architektur einfach wieder abreißen könnten, die kulturellen Veränderungen, die sie mit sich gebracht hat, lassen sich schwer rückgängig machen. Es stimmt ja: das Handy wegwerfen, facebook verlassen, Postkarten statt E-Mails schreiben – das sind simple und effektive Mittel, um sich der Überwachung zu entziehen. Der Aufruf zum Boykott neuer Technologien stellt unser aller Bequemlichkeit bloß, den Defätismus, mit dem wir der Kontrolle begegnen und die Heftigkeit, mit der wir bestimmte Endgeräte fetischisieren. Am Fortschrittsglauben hat sich jedoch seit Anfang des 19. Jahrhunderts, als die Ludditen vergeblich gegen die Ungerechtigkeiten der Industriellen Revolution kämpften, wenig geändert. Insofern ist ein völliger Boykott nicht nur aufgrund des allgemeinen Achselzuckens höchst unwahrscheinlich.

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Tiere unserer Heimat

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Ich fand Aus Wald und Flur: Tiere unserer Heimat vor ein paar Jahren im Sommer auf einem Flohmarkt in Berlin. Als ich das Titelbild sah, wusste ich sofort, dass ich das Buch haben musste: Die Farbpalette der filigranen Zeichnung besteht aus bleichem Oliv- und Lauchgrün, staubigem Braun und zartem Gelb und zeigt eine überwältigend üppige Waldszene.

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Der letzte Schmuck der Menschen

Der kleine Maskenraum in Halle 12 auf dem Bavariagelände ist wie immer hell erleuchtet. Auf großen Spiegeln reihen sich die Glühbirnen aneinander, genau so wie man sich das vorstellt. Die Atmosphäre wird von einer Art routinierter Geschäftigkeit bestimmt, der Maskenraum ist schließlich der letzte Zwischenhalt für die Schauspieler, bevor es ernst wird.

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