Entschuldigung, bei Ihnen brannte noch Licht

    Wenn selbst in den größten Wohnhäusern der eigenen Straße nachts die Lichter ausgehen, fühlt sich die Welt komisch einsam an. Doch auch wenn es einem so vorkommt: Der letzte wachende Mensch seines Viertels ist man nie. Wenn man genau hinsieht, findet man immer irgendwo noch ein helles Fenster, einen letzten Verbündeten. Aber was passiert dahinter? Gibt es neben dem brennenden Licht noch irgendetwas anderes, das die wenigen Wachgebliebenen eint? Ist das späte Aufbleiben bei ihnen die Ausnahme oder die Regel? Was bedeutet ihnen die Nacht?

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    Nachts hat das Außenrum weniger Gültigkeit. Da ist jeder für sich und wenn er nicht schläft, dann ist er in Gedanken unterwegs, die nur ihm gehören. Es wäre spannend, für einen kurzen Moment in die Nacht der Wachgebliebenen einzudringen und mit ihnen zu sprechen.
    Doch Leute in ihrer nächtlichen Ruhe zu stören, ist nicht nur unhöflich, sondern nahezu grausam. Ich habe es trotzdem auf einen Versuch ankommen lassen.

    An einem Montag, um 01: 03h.
    An so großen Atelierfenstern geht man vorbei und schaut sehnsüchtig nach oben. Man sagt zu seinem Mitspaziergänger: „So will ich auch mal wohnen, und dann gibt es morgens starken schwarzen Espresso aus einer alten, silbernen Kaffeemaschine und knisternde Musik von der Platte und dabei gucke ich den Lichtvierecken zu, wie sie sich langsam über die alten Dielen bewegen.“
    Der Türöffner summt. Oben steht ein Mann in Jeans und T-Shirt. Mandelförmige Augen gucken mich an, darunter ein grau-melierter Vollbart und noch weiter unten ein kleiner Bauch. Ich erzähle hektisch, was ich will, er sagt okay. Aus einem kleinen Vorflur tritt man direkt in den Raum mit den großen Künstlerfenstern, links gibt es eine kleine Küchenzeile mit einer massiven Arbeitsplatte aus Holz. Auf einem kleinen Heizkörper trocknen Orangenschalen, alles riecht danach. Rechts geht es um eine Ecke, wo ein weißer Leinenvorhang hängt. Dahinter muss das Bett sein. Ansonsten überall Bücher. Nicht in Regalen, sondern kniehoch auf dem Boden gestapelt, die Wände entlang und auf kleinen Hockern und Kommoden. In der Mitte des Raumes steht ein weißer Tisch, der fast vollständig von Notizheftchen bedeckt ist, einige sind aufgeschlagenen, die kleine, enge Krakelschrift kann ich nicht lesen. Wir nehmen auf blauen Stühlen Platz. Der Mann heißt Hardy, ist Zahnarzt und seit einem Jahr im Ruhestand. Er ist 65 Jahre alt, hat vier Kinder aus drei geschiedenen Ehen, sie sind alle erwachsen. Hardy hat keine Freundin, er lebt in dieser Wohnung allein. Nachts sortiert er seine Vergangenheit. Die Notizheftchen auf dem Tisch sind Tagebücher. Mit zweiundzwanzig Jahren hat er angefangen regelmäßig zu schreiben. Eigentlich wollte er zum Umzug alle Bücher verbrennen. „Aber ist das ein gutes Symbol, das Leben zu verbrennen?“, fragt er und meint es, glaube ich, ernst, auch wenn er es mit einem ironischen Lächeln sagt. „Jeden blöden Ehestreit habe ich dokumentiert, jede Geburt, alles“, sagt er. Es ging ihm nicht um die literarische Qualität, manchmal ist das Erlebte nur stichwortartig notiert. „Mich hat immer diese Angst begleitet, dass am Schluss vom Leben nichts übrig bleibt“, sagt er. Stück für Stück sucht er nun die aussagekräftigsten Passagen aus den Büchern zusammen, um sie eines Tages zu einem Ganzen zusammenzufügen. Er wird jedem seiner Kinder eine Ausgabe schicken. Zu ihnen hat er nicht viel Kontakt, hat sich so ergeben, er ist nicht froh drüber, mehr will er nicht sagen. „Die Nacht ist gut zum Sortieren“, sagt er nochmal mit Nachdruck. „Da habe ich kein Zeitempfinden, da stört mich niemand und da fühle ich mich unverletzlicher, auch vor mir selbst.“ Das Gefühl, dass Dunkelheit beklemmend sein kann, kennt er aus der Kindheit, aber es hat sich über die Jahre davongemacht. Mittlerweile sieht er in der Nacht einen friedlichen Raum, in dem er unbeobachtet und frei sein kann. Er entfaltet seine Hände, steckt seinen Zeigefinger zwischen die groben Holzritzen des Tisches und sagt dann: „Ich glaube nachts kann man weise werden.“ Dass die Nacht wie ein zweiter begehbarer Raum neben dem Tag stünde, habe er erst im Ruhestand anerkannt, sagt er. Wer morgens früh aufstehen muss, muss nachts zwangsweise abtauchen. Für Hardy gibt es diese geregelten Zeiten nicht mehr. Er schläft, wenn er müde ist. Wenn er wegen innerer Unruhe nicht müde werden kann, richtet er sich nach dieser Unruhe. Er mache dann meistens internationales Radio an, am liebsten irgendwas das nach weit weg und einer großen Welt klingt, in der seine eigenen Sorgen ganz klein werden können. Manchmal schläft er erst morgens ein, dann beginnt sein Tag eben um vierzehn Uhr. Ihm ist es egal, wie viele Lichter draußen zu welcher Tageszeit noch an sind und warum.
    Warum hat er mir aufgemacht? „Warum nicht?“, sagt er, „Siehst ja nicht böse aus“.

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    An einem Mittwoch, um 03: 21h.
    Das Fenster liegt im ersten Stock eines Neubaus. Eine gelbe Tulpe in einem Blechtopf quetscht sich gegen das Fenster, weiße Gardinen, es leuchtet schwach, vielleicht ist keiner mehr wach, vielleicht ist es nur ein Nachtlicht? Die Eingangstür summt nicht, sie knackt. Großes Mädchen, große Augen, kurze zerwühlte Haare, schwarzes Trägerhemd, graue Jogginghose, Wollsocken. Ich darf hereinkommen. Ein winziger Flur, rechts eine Kochnische, links das Bad, geradeaus ein Wohn- und Schlafraum, minimalistisch und vorwiegend weiß eingerichtet, ohne Krimskrams oder Bildern an den Wänden. In der rechten Ecke neben dem Bett leuchtet ein gelber Papierball. „Das ist mein Mond“, sagt sie. Das Mädchen heißt Leonie und sie ist so alt wie ich, 23. Nachdem ich die ausführlichere Version meines Anliegens erklärt habe, beginnt sie zu reden und zwar so schnell und atemlos und dringend, als hätte sie seit Wochen mit niemandem gesprochen. Wir bleiben einfach am Fenster stehen und alles um uns herum wird von ihrem Redeschwall eingesogen, ich inklusive, wir alle, der Raum, ihr Mond, wir alle verschwinden in Leonies Redeschwall.
    „Ich bin gerade eingezogen, aber ich will wieder weg, ich fühle mich wie ein zu großer Schuh in einem Schuhkarton in einem dicht gestapelten Haufen Schuhkartons, damit meine ich das Haus, dieses enge Stadthaus. Nach dem Abitur wollte ich für drei Monate nach Indien, es wurden drei Jahre Weltreise aus diesem Plan, ich konnte nicht aufhören, da war immer diese unsterbliche Überzeugung in mir, dass ich alles kaputt mache, wenn ich jetzt schon nach Hause fahre, weil da noch irgendetwas auf mich wartet, das große Lebensdings. Meine Eltern sind Botschafter, beruflich eingespannt ohne Ende und sie haben gesagt: Kind, tu was du tun musst, zurückzahlen kannst du das alles später. Laos ist jetzt ein Jahr her, das war meine letzte Station, obwohl ich noch nach New York weiterfliegen wollte, aber dann bin ich krank geworden. Ich hatte ein paar Wochen vorher einen Schweden kennengelernt, mit dem ich dann irgendwie ganz schnell auch zusammen war, das war so ein typisches Reiseaffärending, man verliebt sich, weil einem vor lauter Alleinsein sonst schwindelig wird, aber mit wirklichem Lieben, so wie ich mir das vorstelle, hatte das überhaupt nichts zu tun. Von diesem Schweden jedenfalls bin ich krank geworden, aus einer Blasen- ist eine schwere Nierenbeckenentzündung geworden, der Schwede war längst ohne mich weitergezogen, ich war froh drum: wieder Ballast abgeworfen, wieder mehr Horizont. In einem komischen Sechsbettzimmer eines Hostels ohne Fenster hab ich versucht, mich auszukurieren, aber es wurde immer nur schlimmer und im Hochbett über mir war so ein komischer Typ, der gedacht hat, er hat die Vogelgrippe und sich ernsthaft verhalten hat, wie ein krankes Huhn, obwohl er gesund war. Zum ersten Mal hab ich mich nach kalter, deutscher Luft gesehnt. Ich bin nach Hamburg zu meiner Tante geflogen, bin gesund geworden und hab mich entschlossen, in Deutschland zu bleiben. Meine Eltern hatten in München diese kleine Einzimmerwohnung, da bin ich dann eingezogen. Jetzt habe ich gerade mein erstes Studium abgebrochen, Psychologie, wo ich auch nur eine unter vielen gestörten Seelen auf der Suche nach Selbsterkenntnis war. Die kollektive Erbärmlichkeit hat mich so angekotzt, dass ich nicht mehr hingehen konnte.“
    Leonie holt zum ersten Mal wieder richtig tief Luft, kurze Pause. Vielleicht macht sie gleich „Zzzzisch“ und fliegt geradewegs wie eine Rakete durch das Fenster in den Himmel.
    „Und jetzt frage ich mich die ganze Zeit, vornehmlich nachts, wenn die Dunkelheit mich abdriften lässt: Was habe ich eigentlich gesucht? Warum habe ich es nicht gefunden? Was habe ich stattdessen gefunden? Wo ist das jetzt? Warum hat mich das Reisen zum Schluss so furchtbar krank gemacht? Mir geht die ganze Zeit im Kopf herum, dass ich nichts habe, dass ich nicht einmal Freunde habe, nur Bekanntschaften, über die ganze Welt verstreut und für die war ich eine lustige, kurze Begleitung, gone with the wind.“
    Kurzes Schweigen, Luft holen.

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    „Allein die Tatsache, dass man so durch die Zeit rasselt. Mein Vater hat früher mal gesagt: Heute ist morgen schon gestern. Genauso ist jetzt gleich schon vorbei, und so geht es weiter und weiter und weiter, bis du tot bist. Ich will mich nicht umbringen, auch wenn ich manchmal daran denke. Lieber warte ich, bis der Tod von alleine kommt. Vielleicht begreife ich in der Zwischenzeit ja noch irgendwas vom Leben, die Hoffnung stirbt zuletzt und ich bin die personifizierte Hoffnung. Die Nacht mag ich nicht. Es ist als würden die Leute nachts aus ihren Häusern verschwinden, in ein Land gehen, zu dem ich keinen Zugang habe und mich hier den bösen Geistern zum Fraß vorgeworfen lassen. Ich fühle mich nachts ausgeschlossen, ich kann die Ruhe nicht genießen, ich wünschte, es gäbe immer jemanden, der nachts vor meiner Tür noch bügelt, wie meine Oma früher. Was hilft, ist, wenn ich lange in meinen Mond starre. Aber zurzeit schlafe ich immer erst ein, wenn draußen die ersten Menschen zur Arbeit fahren. Erst, wenn das Triebwerk wieder in Gang kommt, kann ich aufhören zu grübeln. Ich hätte gerne einen Freundeskreis, der immer da ist und wo immer jemand auf einen wartet und sich freut, dass man da ist. Und wenn einen sonst alle Scheiße finden, da wird man da immer noch geliebt. Aber wo findet man solche Leute? Die mich inspirieren, interessieren, auffangen, alles? Diese ganzen Partygirls und affektierten Mittzwanziger in München machen mich wütend. Ich will mit denen nichts zu tun haben. Ich denke immer: Eines Tages setze ich mich hin, sieben Wochen lang und schreibe das alles auf, diese ganzen Nachtgedanken, diese ganzen verrückten Reisegeschichten, ich puzzle das zu einer Geschichte zusammen und dann setze ich mich hin und schreibe es runter und werde mit dem Buch weltberühmt. Wie diese Dings, die mit 17 Jahren in einem Sommer Bonjour Tristesse geschrieben hat. Das ist das Einzige, was ich mir vorstellen kann für mein Leben, das einzige, was ich jederzeit tun könnte, ohne dass ich dafür andere Qualifikationen bräuchte. Ich will niemals ein Karrieremensch sein. Dann lebe ich lieber ein verzweifeltes Leben. Brennen, brennen, brennen, wie ein einziger, völlig mutierter Atomleuchtstab, und dann macht es eines Tages Zzzzzzzrrb! und dann bin ich tot. Wie eine Fliege, die ins Licht geflogen ist. Und dann, zurück in der Ewigkeit, erzähle ich allen, dass sie die Finger lassen sollen von dem faden Planeten Erde, auf dem alles immer nur vorbeigeht, aber nie was bleibt.“
    Warum hat sie mir aufgemacht? Sie hat mich die ganze Straße herunter schon kommen sehen. „Als du dann auf mein Haus zugekommen bist und es klingelte, dachte ich, du bist eine Verrückte.“ Warum würde man einer Verrückten aufmachen? „Weil mir langweilig war und weil ich dachte, vielleicht hat dich jemand geschickt.“

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    An einem Donnerstag, um 01:23h.
    Eine frisch renovierte Stuckfassade, bei der man zuerst an junge, aufstrebende Familien denkt, die viel Platz für teures Holzspielzeug und schöne Möbel brauchen. Alle schlafen, nur unter dem Dach ist Licht. Die Haustür unten ist angelehnt, oben macht ein Mann in blau gestreiftem Schlafanzug die Tür auf. Er hat einen Gipsfuß und fragt, ob ich was für Frank abhole. Ich kapiere gar nichts und erkläre mein Anliegen. „Na, jetzt ist auch schon egal“, sagt er und geht einen Schritt zur Seite, so dass ich eintreten kann. Schräge Decken, Fischgrätparkett, karg eingerichtet, aber das wenige, was da ist, sieht aus wie aus einem gediegenen Antiquitätenladen. Es ist schön warm hier und riecht nach Wolle und einem leichten Männerduft. Gero ist 50 Jahre alt und Anwalt. Er lebt allein, seine drei Töchter leben bei der Mutter. Der Gipsfuß stammt von einem Reitunfall letzte Woche. Eigentlich wollte er längst schlafen, aber dann rief Frank an. Frank ist der Exfreund von Geros ältester Tochter. Er sagte, er müsse um Punkt acht Uhr morgens eine Hausarbeit bei seinem Professor abgeben, aber jetzt sei sein Drucker ausgefallen, kein Copyshop habe mehr offen und er habe niemanden erreicht und da er nur eine Straße weiter von Gero wohnt, habe er an ihn gedacht. Es sei total bescheuert, das er das für Frank täte, sagt Gero, weil Frank seine Tochter Sanne mehrere Male betrogen habe und sie ihn auch noch mehrere Male dabei erwischt hat und Gero Sanne noch nie so hat weinen sehen. Aber was soll man machen, sagt er, man hilft ja doch und er habe sich Frank immer gut verstanden. „Wir waren mal zwei Wochen zusammen in den Dolomiten, Sanne, Frank und ich, da haben Frank und ich manchmal bis sechs Uhr morgens in der Küche gesessen, Wein getrunken und uns totgelacht, ich mochte ihn wirklich, auch wenn er ein Schlendrian ist.“ Frank studiert Philosophie, mehr schlecht als recht, deshalb auch diese Dringlichkeit der Hausarbeit, er hat sich in irgendetwas reingeritten und muss das jetzt ausbügeln. Gero betrachtet mich die ganze Zeit über sehr argwöhnisch, was nicht dazu passt, dass er so locker daher erzählt. Zwischendurch fragt er zwei Mal, ob ich diese Sache wirklich nicht im Rahmen einer „Uni-Studie oder so etwas Ähnlichem“ durchführe. Ich verneine und beharre auf meinem naiven Interesse. Er habe kein erzählenswertes Verhältnis zur Nacht, sagt er. „Ich schlafe nachts“, sagt er, „zwar mal früher, mal später, aber was sollte ich sonst tun?“. Ich erzähle von Hardy und davon, wie dessen Ruhestand zum Beispiel sein Bild von der Nacht verändert hat. Und ich erzähle von Leonie, die vor lauter Grübeln nicht schlafen kann. Gero nickt, er kann sich das alles vorstellen. Hat aber nichts mit ihm zu tun, sein Leben ist ein anderes. Die anderen Fenster, sind die vielleicht ein Thema? Irgendwelche Einsamkeitsgedanken? „Nö“, pfeift Gero durch rundgeformte Lippen. „Habe ich noch nie darauf geachtet, ich ziehe ja auch immer die Gardinen zu“, sagt er. Als ich aus der Tür gehe, fällt ihm doch noch etwas ein. „Ich mag prinzipiell den Sommer lieber, wenn die Nächte kürzer sind. Das Leben mit Licht ist geselliger, davon hat man mehr.“
    Gero hat mir nur die Tür aufgemacht, weil er mich für jemand anderen gehalten hat.

    Alle drei Personen in diesem Text sind frei erfunden

    (Fotos: Juri Gottschall)